Energiewende – Die Rückseite der Medaille

13.10.2020 enexion

Sind es die ersten Anzeichen von Resignation, oder ist es die Einsicht in das Notwendige? Waren große Unternehmen, Industriebetriebe in Sachen Klimawandel und den daraus zu ziehenden Konsequenzen genannt Energiewende eher reserviert aufgestellt, vollzieht sich aktuell ein Paradigmenwechsel. Höhere Einsparziele in Bezug auf CO2 rufen durchaus nicht mehr nur Bedenken bezüglich der Umsetzbarkeit hervor. Aufgrund der massiven wirtschaftlichen Einschnitte durch die Coronakrise tut sich immerhin das Füllhorn der EU und der Bundesregierung auf.

Der Umbau der Energieversorgung etwa schafft neue geschäftliche Gelegenheiten, die staatlich gefördert oder abgesichert sind. Ging es beim Klimaschutz früher nur um Kosten und Auflagen, steht jetzt ein steuerfinanziertes Corona-Konjunkturpaket mit dreistelligen Milliardensummen zur Verfügung, die erklärtermaßen in einen „grünen“ Neustart nach der Pandemie investiert werden sollen. Das weckt Begehrlichkeiten. Bei vielen Konzernlenkern und Investoren mag auch ein echter Bewusstseinswandel stattgefunden haben, seit selbst die eigenen Kinder zur Fridays-for-Future-Demo ziehen. Andere wollen endlich einfach mal Planungssicherheit. Wenn der Klimazug ohnehin nicht mehr aufzuhalten ist, springt man lieber auf. Dann sieht man besser, wohin die Reise geht. Einige deutsche Konzerne versprechen sogar, bald komplett klimaneutral zu sein. Selbst von der EEG-Umlage befreit, wälzen sie die Last der Grünwerdung freilich gern auf ihre Zulieferer ab. Die Kosten des Klimaschutzes bleiben so beim kaum geschützten Mittelstand hängen. Dessen Aufschrei bleibt meist ungehört.

Der Mittelstand, vor allem der stromintensive muss die Hauptlast tragen. Nicht alle Unternehmen können oder wollen zum Beispiel so handeln, wie der Reifenbauer Continental, der sein Werk in Aachen schließt. Die Produktion wird ins Ausland verlegt. Selbstverständlich sind die Proteste groß. Conti- Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle – nicht der Vorstand – meint denn auch in einem Brief, der den Aachener Nachrichten (AN) vorliegt, dass die Politik mit ihren Vorgaben zu diesem Schritt erheblich beigetragen habe. So heißt es in den AN vom 25.9.2020: Zum Schluss hin nimmt sich Wolfgang Reitzle dann die Politik vor. „Besonders unfair“ sei deren Kritik [am Beschluss der Werkschließung in Aachen], weil „die Rahmenbedingungen für die industrielle Produktion in Deutschland“ maßgeblich von ebenjener Politik bestimmt und gesteuert würden. Der „beispiellose und tiefgreifende Strukturwandel“ der Automobilindustrie sei „zum Teil politisch verordnet“. Und die „ohnehin ambitionierten Emissionsvorgaben“ würden durch die EU absehbar sogar noch deutlich verschärft. Reitzle: „Die aus alledem resultierenden Konsequenzen für die Wirtschaft werden jetzt immer deutlicher sichtbar und werden uns noch lange beschäftigen.“ Quelle: AN · Freitag, 25. September 2020 · Nummer224

Damit ist das Aus für das Reifenwerk, das ursprünglich von Englebert 1930 in Aachen begründet wurde, 1966 in Uniroyal aufging und schließlich 1979 von Continental übernommen wurde, praktisch endgültig. Als Marke besteht Uniroyal weiter. 2020 also wieder eine Schließung eines Industrieteilbetriebs in Aachen. Nach LG im Jahr 2003 und Philips im Jahr 2009. Experten auf dem Gebiet lassen die Worte von „Transformationsminister“ Altmaier zu diesem Thema die Augen rollen. In Sachen grüne Energie Wasserstoff meint der Wirtschaftsminister in einem Interview mit dem Deutschlandfunk:

Die Menschen in der ganzen Welt wollen Wohlstand und wir müssen ihnen zeigen, wie man Wohlstand mit Klimaschutz verbinden kann, wie man beispielsweise Stahl, der weltweit auch in den nächsten Jahrzehnten in großen Mengen benötigt wird, um Schulen und Krankenhäuser, um Straßen und Wohnungen zu bauen, dass man den mit grüner Energie erzeugen kann, das heißt, klimaneutral, dass wir einen Transformationsprozess machen können. […] In den letzten beiden Jahren ist die Stromproduktion aus Kohlekraftwerken deutlich gesunken. Das hat etwas damit zu tun, dass für die CO2-Emissionen Geld bezahlt werden muss.

Die logische Konsequenz aus diesem Sachverhalt zieht Vattenfall, welches eines der modernsten und leistungsstärksten Steinkohlekraftwerke, Moorburg bei Hamburg mit 2 Blöcken mit je 800 MW,  in die Versteigerung geben will. Die Bundesnetzagentur prüft zwar die Systemrelevanz. Sollte die nicht gegeben sein, wird das Kraftwerk versteigert und abgeschaltet. Bescheinigt die Bundesnetzagentur hingegen Systemrelevanz, wird sich dies für Vattenfall positiv auswirken:

Jahrelang, sagt ein Insider, sei das Unternehmen beim Bau und Betrieb des Kraftwerks von Teilen der Politik, von Umweltorganisationen und Bürgerinitiativen unter Druck gesetzt worden. Sollte die Bundesnetzagentur das Kraftwerk nun für „systemrelevant“ erklären, würde das die Position von Vattenfall zunächst stärken: „Vattenfall könnte dann bei den weiteren Entwicklungen am regionalen Energiemarkt vom Getriebenen zum Treiber werden.“

Ein geschickter Schachzug, der allerdings mit dem spielt, was Herr Altmeier fordert: Dem Wohlstand der Menschen im Land. Der Versorgungssicherheit mit Energie in Form von Strom, die den Wohlstand ermöglicht, den die Wirtschaft dringend benötigt. Dringend, sicher, kontinuierlich und zu moderaten Preisen. Dass auch in Hamburg, wie in Aachen, die Arbeitsplätze von etlichen Arbeitnehmern auf dem Spiel stehen, ist selbstverständlich. Für die ist der Wohlstand dann erst mal zu Ende. Für die Grünen allerdings ist die Abschaltung des Steinkohlekraftwerks keine Frage:

Jens Kerstan (Grüne), Hamburgs Senator für Umwelt, Klima und Energie, hofft auf das schnelle Aus für das Kraftwerk: „Moorburg speist seit jeher direkt ins bundesweite Übertragungsnetz ein, Strom aus Moorburg wird an der bundesweiten Strombörse gehandelt“, sagt er. „An der Börse gibt es ein Überangebot an Strom, deshalb ist die Versorgungssicherheit Hamburgs auch ohne Moorburg nicht gefährdet. […]

Ob der Umweltsenator da auf dem neuesten Stand ist, darf bezweifelt werden. Da Strom immer den nächsten Weg zum Stromabnehmer nutzt, ist Hamburg ganz sicher Hauptabnehmer des Steinkohlestroms, der in Moorburg erzeugt wird. Belegt wird das auch durch Zahlen, die öffentlich zugänglich sind (Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein):

Kohle trug allein knapp 84 Prozent zur Hamburger Bruttostromerzeugung bei, wie das Statistikamt Nord am Montag in der Hansestadt mitteilte. Auch Erdgas leistete mit einem Anteil von 9,4 Prozent einen steigenden Beitrag. Immerhin: Die erneuerbaren Energien legten zwar mit einem Wachstum von 17,4 Prozent stark zu – doch blieb ihr Anteil an der Stromproduktion in Hamburg mit 5,6 Prozent gering. Da hat Hamburg einiges aufzuholen. Liegt doch die bundesweit durchschnittliche Stromerzeugung mittels erneuerbarer Energieträger bei aktuell 48%.

                                                  Quelle: Hamburger Morgenpost vom 16.12.19, 20:28 Uhr

Während Deutschland alles daran setzt die konventionelle Stromerzeugung zu reduzieren und durch die Stromerzeugung mittels erneuerbarer Energieträger zu ersetzen, überlegen andere Länder, wie sie die selbst gesteckten Klimaziele erreichen, ohne Versorgungssicherheit und Kontinuität der Stromversorgung zu gefährden. Die Niederlande zum Beispiel haben einen Großteil ihres benötigten Stroms mit Gas aus dem riesigen Gasfeld Groningen erzeugt. Seit es dort aber einige Erdbeben gegeben hat wurde beschlossen, die Gasförderung still zu legen. Mit einem für deutsche, ideologieorientierte Politiker erstaunlich realistischen Blick für die Dinge überlegt die niederländische Regierung nun den Ausbau der Kernkraft. Ja, Kernkraft, nicht Windkraft. Windkraftanlagen können den wegfallenden Strom aus den Gaskraftwerken eben nicht adäquat ersetzen, wie auch bereits in dieser Kolumne belegt wurde. Es reicht eben nicht installierte Leistungen zu vergleichen. Man muss auch wissen, welche Menge denn faktisch an Strom erzeugt wird. Und vor allem wann. Die Volatilität der Windstromerzeugung ist ein kaum lösbares Problem. Batteriespeicher, Pumpwasserspeicher sind nicht in ausreichender Menge zu realisieren, Wasserstoff als Speicher überschüssigen Stroms wäre nur dann sinnvoll, wenn tatsächlich überschüssiger Strom aus Windkraftanlagen vorhanden wäre.  In riesigen Mengen, im Überfluss. Die Erzeugung von Wasserstoff und die Rückverwandlung in Strom bringt etwa 25% des ursprünglich eingesetzten Stroms. Das ist aktuell unwirtschaftlich und faktisch Energieverschwendung. Vor allem aber wird bei der Wasserstofferzeugung mittels Elektrolyse kontinuierlich und gleichmäßig fließender Strom benötigt. Volatilität ist aber nun mal das Merkmal von Strom, der mittels Windkraftanlagen erzeugt wird. Fotovoltaik-Strom tut das Seine mit dem zumindest im Frühjahr und Sommer enormen Stromanstieg über Tag dazu. Der deutsche Weg der Energiewende ist nicht nur deswegen problematisch. Allein das Abschalten aller Kernkraftwerke bis Ende 2022 wird einen Anstieg des CO2-Ausstoßes in zur Folge haben. Das ist im Sinn des Klimaschutzes kontraproduktiv. Gasstrom und/oder Kohlestrom, nicht Wind- oder Fotovoltaik-Strom wird die Ersatzenergie sein. Unter diesem Aspekt wundert es nicht, dass Deutschland mit seinen Kernkraftwerks-Stilllegungen praktisch allein in der Welt dasteht. Dort ist Kernkraftwerke-Zubau angesagt.

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